Kintsugi ist eine alte japanische Kunst. Zerbrochene Keramik wird dabei nicht so repariert, dass die Bruchstelle möglichst nicht auffällt. Ganz im Gegenteil: Die Keramik wird mit Gold ausgebessert. Ausgerechnet das, was gebrochen ist, wird betont und die Keramik dadurch besonders kostbar. Genau darin liegt die tiefe Symbolik des Kintsugi. Eine Herangehensweise, die übertragen aufs eigene Leben sehr inspirierend sein kann.
Inhaltsverzeichnis
Der Wunsch wieder heil zu sein
Vielleicht fühlst Du Dich gerade angeschlagen, krank oder verletzt – körperlich oder seelisch. Der Wunsch, dass es wieder „wie früher“ ist, dass diese Verletzung, dieser Schmerz, dieser Makel nicht da ist, ist normal. Wir sehnen uns danach ganz und heil zu sein.
Kintsugi kann uns eine andere Perspektive auf unsere Verletzungen schenken. Unsere Verletzungen, unsere Narben – ob seelisch oder körperlich – sind Teil unserer Geschichte. Wenn wir diese nicht länger bekämpfen und ablehnen, sondern liebevoll umarmen, können sie zu goldenen Linien werden. Kintsugi kann somit als Inspiration dienen, wie wir wieder ganz werden können und unsere wahre, einzigartige Natur leben.
Kein Leben ist schmerzfrei und makellos
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich früher versucht habe, meine schmerzhaften Erfahrungen auszublenden und meine Wunden zu verbergen. Keinesfalls sollten sie mein Leben bestimmen. Und mit dieser Bemühung erzielte ich genau das Gegenteil. Denn Wunden heilen nicht, indem wir sie ignorieren.
Wenn wir uns körperlich verletzen, schauen wir doch auch, was wir tun können, damit die Verletzung heilt. Doch bei seelischen Verletzungen glauben wir, dass sie heilen, wenn wir nicht hinschauen. Doch wie soll etwas heilen, wenn ich so tue, als wäre es nicht da? Wenn ich mir den Arm verletze und das ignoriere, dann wird es schließlich auch nicht besser, wenn ich ihn weiter belaste oder mir die Wunde immer wieder aufreiße, weil ich nicht achtsam und fürsorglich mit der Verletzung umgehe.
Seltsamerweise ist aber die Überzeugung verbreitet, seelische Wunden heilen einfach so, wenn wir weitermachen wie bisher und so tun, als wäre nichts geschehen.
Was wir von alten Weisen lernen können
Hast Du es schon mal erlebt, dass Du in der Präsenz eines älteren, sehr lebenserfahrenen Menschen warst, der ganz viel Güte ausgestrahlt hat? Diese Menschen sind nicht jene, die ihre Wunden ignoriert und verdrängt haben, es sind jene, die ihre Wunden versorgt haben und sie haben heilen lassen. Ja, Narben bleiben zurück, doch sie machen sie zu etwas besonderem.
Mir kommt diesbezüglich gerade Edith Eger in den Sinn. Sie hat Auschwitz überlebt und aus ihren Erfahrungen etwas entstehen lassen, das weit über ihr eigenes Leben hinausreicht. Sie war überzeugt, dass es nicht die Ereignisse selbst sind, die unser Leben bestimmen, sondern wie wir ihnen begegnen und was wir daraus machen. Mir ihrer Arbeit hat sie vielen Menschen Hoffnung geschenkt. Ihre Worte berühren noch immer und erinnern daran, dass selbst aus tiefen Wunden etwas Wertvolles wachsen kann.
Wir sind nicht weniger wert, weil wir durch Krankheit oder Schmerz gegangen sind – im Gegenteil.
Es braucht dann Zeit, Geduld, liebevolle Zuwendung und manchmal auch Hilfe von anderen, um die Scherben wieder zusammenzusetzen. Doch es ist möglich.
Eine kleine Geschichte: Das perfekte Herz
Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich gerne mit Dir teilen möchte. Zum Urheber gibt es verschiedene Aussagen. Am meisten wird Manuela Ridder-Hillenbrand genannt.
Ein junger Mann stand eines Tages auf einem Platz und erklärte, dass er das schönste Herz der ganzen Stadt habe. Viele Menschen versammelten sich um ihn und alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es hatte keinen Fleck und keine Fehler. Alle versammelten Menschen gaben ihm recht. Es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten.
Der junge Mann war sehr stolz und prahlte laut mit seinem schönen Herzen. Plötzlich tauchte ein alter Mann auf und sagte: „Dein Herz ist nicht mal annähernd so schön wie meines.“
Die versammelte Menge und der junge Mann schauten auf das Herz des Alten. Dieses schlug kräftig, aber es war voller Narben. Es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken. An einigen Stellen waren tiefe Furchen und es fehlten sogar ganze Teile.
Die Leute starrten ihn an: „Wie kannst du behaupten, dein Herz sei schöner?“
Der Junge schaute auf das Herz des alten Mannes, sah dessen Zustand und begann laut zu lachen: „Du musst scherzen, dein Herz mit meinem zu vergleichen. Mein Herz ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“
„Ja“, sagte der alte Mann, „deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen.”
Die Menschen lauschten gespannt, als der Alte weitersprach: „Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es meinen Mitmenschen und oft geben sie mir dann ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau gleich sind, habe ich einige Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten.
Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der Andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen.
Liebe geben heißt manchmal auch, ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen. Erkennst du jetzt die wahre Schönheit?“
Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen. Er griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an.
Der Alte nahm das Angebot an und setzte es in sein Herz. Dann nahm er ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde im Herzen des jungen Mannes. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.
Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen. Sie umarmten sich herzlich und Seite an Seite gingen sie weg – und ließen die betroffene schweigende Menge zurück.
Was für ein Gefühl hinterlässt diese Geschichte bei Dir? Wie geht es Dir damit?
Und wie geht es Dir mit Deinen Narben, Rissen und Brüchen?
Einige werden vermutlich niemals ganz verschwinden. Müssen sie das überhaupt? Denn möglicherweise sind es gerade diese Linien, die unserem Leben seine ganz eigene Zeichnung verleihen. Und vielleicht liegt in ihnen mehr Gold, als wir zunächst erkennen können.
Ich wünsche Dir Mut, Geduld und einen liebevollen Blick auf das, was in Deinem Leben vielleicht noch „unvollkommen“ erscheint. Mögen daraus mit der Zeit goldene Linien werden!
Alles Liebe
Bild: Pixabay









